Heute ist der Tag, an dem ich einen Zwischenbericht abgeben möchte. Vieles von dem, das ich zu Beginn plante, hat aus sehr unterschiedlichen Gründen anders funktioniert, als in der grauen Theorie erdacht.

Die wesentliche Änderung trat ein, nachdem ich das erste Mal ein Plüschi aus der Packung zog und vor den Kinderaugen ein Foto machen wollte. Sofort begriff ich, dass dies nicht gehen wird. Ich kann kein Plüschi nehmen, damit rumfuchteln, es wieder einstecken und ein anderes, kleineres hervorzaubern, um das dann zu verschenken. Auch nicht bedacht hatte ich den Umstand, dass zuerst die etwas weniger bedürftigen Menschen auf uns zukommen würden. Natürlich! Sie sind oftmals ein wenig besser gebildet, können vielleicht lesen. Die Menschen, die wir unterstützen, stehen selbst in der Randgruppe noch abseits.

Hätte ich von selbst drauf kommen müssen, schließlich mache ich das hier lange genug. Ich war zu blauäugig! Mea culpa.

Kleiner Hinweis: Der immer wieder folgende Wechsel zwischen wir und ich ist dem Umstand geschuldet, dass ich manchmal alleine, manchmal mit einem oder mehreren Helfern unterwegs bin.

Nun gut. Insgesamt bin ich bis heute gut 4.500 km gefahren. Durch die Hauptstraßen und Dörfer an der Route über Arad, Temeswar, Sibiu (Hermannstadt), Pitești, Bukarest, Ploiești, Buzău, Focasni, Bârlad, Iași und weiter nach Sighisoara (Schäßburg), bin ich an vielen Orten vorbeigekommen, die ich als menschenunwürdig bezeichnen würde.

Was man wissen muss ist, dass neben quasi „Palästen“ von Mittelständlern unmittelbar Grundstücke der allerärmsten Menschen der EU liegen können. Es wäre also falsch zu denken, die Orte sind so hübsch gemacht oder die vielen Baustellen weisen auf einen beginnenden Wohlstand hin. Weit gefehlt! Ich kenne Häuser in Top-Zustand mit 200 und mehr qm, dessen Bewohner sich in einem Raum aufhalten, dort kochen und auf Holzbrettern schlafen, weil ihnen das Geld fehlt. Einen 5er BMW vor der Tür, aber nichts zu essen im Schrank – gar nicht mal so selten.

Der schöne Schein ist eines der prägenden Probleme dieses Landes. Jeder möchte „oben“ dazugehören und einen gewissen Wohlstand präsentieren. Dass dafür im Grunde das ganze Leben in Schulden und Armut resultiert, wird mehr oder weniger hingenommen. Hinzu kommt eine Besonderheit: „Wir leben heute und nicht morgen“. Kaum jemand denkt langfristig. Es ist ungleich schwerer 1x 1000 Euro zu bekommen, als 1000 x 1 Euro und trotzdem hofft halb Rumänien auf den großen Wurf. Einige Unternehmer sitzen auf Lagern voller Ware, die sie zum Höchstpreis anbieten. Jedoch, das ist der Witz, bieten sie ausschließlich den gesamten Bestand an, keine Teilmengen. Warten auf den Ritter. Na gut, von mir aus.

Kein Wunder also auch, wenn unter diesen Bedingungen aus Armut, schlechter Führung und durchaus mieser Bildung ein Gemisch aus Alkoholmissbrauch, Gewalt und kriminellem Verhalten entsteht, dessen man meint mit harten Bandagen beikommen zu können. Ausdruck dessen sind die allgegenwärtigen Kameras an sprichwörtlich jedem Laternenmast.

Reden wir aber wieder über die Tour. Als ich in Bukarest meinen Morgenkaffee trank, bekam ich eine Nachricht. Eine junge Frau in der Nähe von Ploiești würde „verkloppt“ und muss schnell wohin. Aber wohin? Aber warum ich? Sie solle zum Bahnhof fliehen und sich dort aufhalten, notfalls die Polizei rufen, ich wäre auf dem Weg. Gesagt, getan. Da ich noch in anderer, wichtiger Mission in Bukarest war, kam ich dort erst gegen Abend an. Das Mädchen war verstört und sah, bitte seht es mir nach, aus wie ein Teller bunte Knete. Über meinen Freund Andrei konnte unmittelbar ein sicherer Ort für sie gefunden werden, den seine Kommilitonen organisiert hatten. Ich war im Grunde schneller wieder raus, als ich in die Sache geraten war. Umsonst war es keinesfalls.

Unterwegs, in vielen Dörfern, macht es Sinn sich in die Seitenstraßen zu begeben. Hier herrscht das Elend oft wenige Meter von den bunten, sanierten Häusern entfernt am Ende des Ortes. Zum Zweck der schnellen, unkomplizierten Hilfe, habe ich immer ein paar Dosen Bohneneintopf und Cola im Auto, Brot sowieso in großen Mengen. Lugt irgendwo ein schmutziges Gesicht hervor, gibt’s davon eine Portion oder mehr – je nach Zahl der Leute. Weil ich aus leidlicher Erfahrung weiß, wie gefährlich diese Plätze sein können, reiche ich die Sachen aus dem Fenster und bin direkt wieder verschwunden. Aussteigen und dort quatschen macht wenig Sinn. Hunger haben sie trotzdem.

Durch Zurufe, Nachrichten oder Anrufe erhalte ich Anschriften von Menschen, die am Hungertuch nagen. Zu diesen Leuten fahre ich, schaue mir die Lage vor Ort an und überprüfe, welchen Bedarf sie haben. Oftmals sehe ich auf den ersten Blick, wo etwas fehlt. Seltener erkenne ich auch, wo man versucht mich übers Ohr zu hauen. Spätestens dann, wenn ein großer Kühlschrank in der Hütte steht, bin ich gewarnt. Es gibt einige NGO, die Kühlschränke ausgeben, sofern die Familien ihre Kinder regelmäßig in ein Programm dieser NGO schicken. Diese Familien werden viel und ordentlich unterstützt. Versuchen können sie es, nur weiß ich um diese Tatsache. Ein Haus weiter sieht es meistens anders aus. Dann schnappe ich mir die Dame des Hauses, befrage sie nach den Notwendigkeiten und gehe mit ihr einkaufen. Ein durchschnittlicher Einkauf liegt auf dieser Tour bei rund 60 Euro, wobei durch die Anzahl der Kinder bedingt mal 50 oder mal 80 Euro daraus werden können.

Viel geht mal so nebenbei für die kleinen Hilfen drauf. Hier ein Getränk, dort eine Wurst, da ein Kilo Kartoffeln. Das sind keine Einkäufe, die man groß präsentieren muss. Davon bin ich insgesamt eh ein bisschen abgekommen, sind doch die einzukaufenden Produkte immer die gleichen. Sofern es einen Lidl gibt, kann ich dort fast mit verbundenen Augen alle Waren zielgenau auswählen. Doof sind die Magazine (Mixt Markt), die auf jeden Artikel locker 30% aufschlagen. Sie sind oft muffig und gleichen eher einer Kneipe mit angeschlossenem Laden für Kleinkram. Dafür sind die Betreiberinnen meistens freundlich – immerhin ein Trost.

Durch die Coronakrise, aber auch durch den dichter wendenden Verkehr nach dem Lockdown, schaffe ich weniger Leute anzufahren, als dies noch zu Weihnachten möglich war. Auch vermeide ich die Häuser zu betreten. Wo es geht, trage ich Maske, Handschuhe und Einwegschürze.

Deutlich zu spüren sind sowieso die Auswirkungen des „echten Lockdown“, denn die Menschen sind eingeschüchtert, teils unwillig oder sogar abweisend. Anders als bei allen anderen Touren ist es diesmal ein hartes Brot, sich dort „durchzuvertrauisieren“. Wo es gelingt, kommen interessante Gespräche zustande. Sie künden von Hoffnungslosigkeit, von Wut auf die da oben und von Angst vor irgendwas. Fragt man, wovor sie konkret Angst haben, erntet man Achselzucken. Fotos machen wird zunehmend schwieriger. Ein paar wenige Familien stellen sich selbstbewusst vor die Kamera, um den Spendern zu danken. Andere verzichten lieber auf die Spenden, als ein Bild von sich machen zu lassen. So genau ist noch nicht klar, aus welchem Grund sich dies innerhalb weniger Monate gewandelt hat. Ich möchte vermuten, da wird die beschriebene unbestimmte Angst vor Repressalien reinspielen. Keine Ahnung.

Leider hat mich mein alter Freund (Name lasse ich mal weg) im Stich gelassen. Er hatte immer die Listen der Bedürftigen geführt, doch die Herausgabe jetzt verweigert. Bisher ist unklar, aus welchem Grund er sich urplötzlich jedem Kontaktversuch entzieht, aber es stehen ein paar Vermutungen im Raum, die mich besser gar nicht erst weiter darüber nachdenken lassen sollten. Wahrscheinlich wurde er zu schlecht entlohnt für seine mildtätige Arbeit – er bekam nämlich gar nichts! So jedenfalls sagen es die anderen Freunde. Ich warte noch auf sein Statement.

Tja, und dann war da diese Müllhalde.

In Rumänien, wie insgesamt im Ostblock, leben einige Menschen im und vom Müll der Städte. Was wir dort sahen, war irgendwie unbeschreiblich. Häuser aus Lehm und Stein, als Holz und Müll stehen wie ein kleines Dorf zusammen. Die Menschen schwärmen in den Müllbergen nach verwertbaren Dingen aus, insbesondere nach Metallen, Plastik und Stoffen, die sie zu Geld machen können. Aber, das ist eben so schockierend, auch nach Lebensmitteln, die sie an Ort und Stelle verzehren! Erks.

Meinen größten Respekt habe ich vor meinem Sani. Nein, ich bin kein zimperlicher Kerl und im Sanitätsdienst zumindest für die Zwecke hier bewandert. Was er aber geleistet hat, kann ich kaum erzählen:

Ein Junge hatte einen Fuß, der als solches nicht mehr erkennbar war. Ein gigantischer Abszess hatte sich gebildet und ihn gehunfähig gemacht. Mein lieber Sani desinfizierte den Fuß seelenruhig, lenkte den Burschen ab, indem er auf etwas am Dach zeigte und ihm eine bescheuerte Frage stellte (Ist das eine große Kartoffel da oben?), und als alle dorthin glotzten, stach er mit dem Skalpell den Abszess weit auf. Meine Herrn, das war wohl mit Abstand das ekligste, das ich bisher gesehen oder gerochen habe! Zur Erinnerung: Wir befanden uns auf einer Müllhalde! Er drückte das Gewür aus und spülte es mit Wasserstoffperoxid, was unglaublich wehtun sollte. Der Knabe verzog keine Miene, sondern schien erleichtert über den nachlassenden Druck. Als alles gesäubert und verbunden war, machte der Sani eine kurze Handbewegung, die „ich bin kurz draußen“ bedeuten sollte, und verschwand. Sekunden später hörte ich ihn seine Eingeweide auskotzen. Am liebsten wäre ich gleich mit rausgerannt. Wahnsinn, dieser Typ!

In den nächsten Tagen endet die Tour unplanmäßig, weil das Geld fast alle ist.

Morgen soll ich noch zu einer Familie mit Baby und einem Sack voller Kinder, wo ich die letzten Päckchen Milchpulver hingeben werde. Sobald sie mit allen Sachen und Lebensmitteln versorgt sind, geht es noch zu einer anderen Müllhalde nach Cluj (Klausenburg) und so Gott will ein paar Tage später dann über Großkarol raus aus Rumänien. Wenn der Plan aufgeht, dann werde ich in der Slowakei meine Romi treffen, die ich alle paar Monate besuche. Denen geht es auch beschissen. Ein kleines Netzwerk an Freunden haben wir vor einer Weile initiiert, aus dem ihnen hin und wieder geholfen werden kann.

Wenn ich dort durch bin, mache ich einen Tag sowas wie Urlaub und dann beginnt wieder der Alltag. Schaffe, schaffe…